Tessa Sauerwein, M.A., Dipl.-Bibl.

Wissenschaftliche Mitarbeiterin im Forschungskolleg Franken

Kontakt

Tessa Sauerwein, M.A., Dipl.-Bibl.
Forschungskolleg Franken
am Institut für Fränkische Landesgeschichte
Marktplatz 1
95349 Thurnau
Telefon: +49 (0) 9228 99605-43
E-Mail: tessa.sauerwein@uni-bamberg.de
E-Mail: tessa.sauerwein@uni-bayreuth.de

Promotionsprojekt

Promotionsprojekt in der Fränkischen Landesgeschichte
Betreuer: Prof. Dr. Martin Ott

Arbeitstitel: Die Nachhaltigkeit der nationalsozialistischen Buchkultur. Provenienzforschung in oberfränkischen Universitätsbibliotheken

Bibliotheksbestände spiegeln Strukturwandel wider. Buchstäblich greifbar wird er in den Universitätsbibliotheken Bamberg und Bayreuth. In ihren Magazinen wurden verschollene Bücher aus nationalsozialistischen Musterbibliotheken wiederentdeckt: Aber warum und wie kamen sie dorthin? Und woher stammen sie?
Diesen Spuren geht die Dissertation u. a. anhand der Besitzstempel der Herkunftseinrichtungen nach. Dem Projekt liegt ein erweitertes Verständnis von Buchkultur zugrunde, das Bibliotheken als Metamedium begreift. Ihre Überreste gelten als Erscheinungsformen vielschichtiger Umbrüche vor und nach 1945 und belegen einen wechselvollen Umgang mit NS-Literatur.
Ausgehend von der NS-Zeit, die das Buch in den Dienst der Propaganda stellte, konzentriert sich die Studie auf die Nachkriegsära mit einem Ausblick in die Gegenwart. Ursprünglich fungierten die Untersuchungsgegenstände als praktisches Erziehungsmittel. Als ideologisch kontaminierte Altlasten sollten sie in der amerikanischen Besatzungszone gemeinhin vernichtet werden. Stattdessen wurden die Bücher für den Aufbau der oberfränkischen Universitätslandschaft in den siebziger Jahren recycelt oder von Vorläufereinrichtungen übernommen. Dieser Befund hat Modellcharakter, denn in ähnlicher Weise „profitierten“ wohl auch andere Hoch-schulbibliotheken in Bayern.
Im Hinblick darauf soll geprüft werden, wie diese komplexen Veränderungsprozesse die Strategien und Handlungsfelder unterschiedlicher Akteure (z. B. Bibliotheken und ihre Leserschaft) beeinflussten. Daraus ergeben sich folgende Leitfragen: Wie wirkt sich die nationalsozialistische Buch- und Bibliothekspolitik auf die Bestandsentwicklung oberfränkischer Universitätsbibliotheken aus? Wie effizient und systemrelevant waren NS-Büchereien gemessen an ihren Ambitionen tatsächlich? Wie nachhaltig ist die NS-Buchkultur in Anbetracht solcher Funde bzw. was blieb von ihr übrig?
Mit ihrer epochenübergreifenden Konzeption leistet die Studie einen Beitrag zur zeitgenössischen Bildungsgeschichte sowie Grundlagenarbeit. In modernen Informationseinrichtungen aufgetauchte NS-Bestände sind bislang weder umfassend dokumentiert noch systematisch analysiert worden.
Dafür wird eine vielfältige Quellenbasis im Spannungsfeld von Ideologie, Demokratie und Digitalisierung herangezogen. Sie generiert die zentrale Forschungsthese, dass die Entnazifizierung gerade dazu geführt hat, NS-Bestände zu bewahren und sie so in unbekanntem Maße erhalten blieben. Von besonderem Interesse ist, ob die Ergebnisse beispielhaft für die Entwicklung in Deutschland sind.
Die untersuchten Büchersammlungen repräsentieren das NS-Erziehungssystem auf der lokalen Ebene, erlangten jedoch überregionale Bedeutung. Die Restbestände der pädagogischen Bibliotheken im „Haus der Deutschen Erziehung“ in Bayreuth gelangten an die dortige Universitätsbibliothek. An der Universitätsbibliothek Bamberg ist die einzige Lehrbücherei für Kindergärtnerinnen im Gau Bayerische Ostmark als rudimentäres Gesamtensemble überliefert.
Für die Provenienzforschung verspricht der praxisbezogene Ansatz der Dissertation weitere innovative Impulse. Abseits von Raubgut und Restitution wird diese Methode zur Rekonstruktion historischer Bibliotheksbestände genutzt. Ziel ist es, das Stigma von NS-Sammlungen aufzubrechen, um wertvolle Quellen zu erschließen. Das Projekt will damit den aktuellen Diskurs zur wissenschaftlichen Aufarbeitung des Nationalsozialismus bereichern und interdisziplinär vernetzen.

Forschungs- und Arbeitsschwerpunkte

  • Buch- und Bibliotheksgeschichte
  • NS-Provenienzforschung
  • Historische Bibliotheksbestände
  • Benutzung, Service und Dienstleistungen von wissenschaftlichen Bibliotheken
  • Informationskompetenzvermittlung

Vita

seit 2021Wissenschaftliche Mitarbeiterin im Forschungskolleg Franken am Institut für Fränkische Landesgeschichte (Universität Bayreuth/Universität Bamberg)
Seit 2020Lehrbeauftragte an der Hochschule für den öffentlichen Dienst in Bayern, Fachbereich Archiv- und Bibliothekswesen
2009-2012Diplomstudium Bibliothekswesen an der Fachhochschule für öffentliche Verwaltung und Rechtspflege in Bayern, Fachbereich Archiv- und Bibliothekswesen in München
2007-2008Lehrbeauftragte an der Otto-Friedrich-Universität Bamberg
2005-2021Mitarbeiterin der Universitätsbibliothek Bamberg
2003-2004Aufbaustudium Andragogik an der Otto-Friedrich-Universität Bamberg
2002Magister Artium in den Fächern Neueste Geschichte, Mittelalterliche Geschichte und Literaturwissenschaft an der Otto-Friedrich-Universität Bamberg

Auszeichnung

  • 2018 Preis „Zukunftsgestalter in Bibliotheken“ für das Projekt „FILL-Framework Infor-mation Literacy Lessons“.

Publikationen

  • FILL for Future (F4F) – Framework Information Literacy Lessons digital, in: Bibliotheks-dienst 77 (2021), H. 5, S. 394-415.
  • Positionspapier Informationskompetenz, in: Zukunftsdiskurs Informationskompetenz und Demokratie (IDE). Bürger, Suchverfahren und Analyse-Algorithmen in der politischen Meinungsbildung. Positionspapiere zur Informationskompetenz und Informati-onskompetenzvermittlung. Aktueller Stand und Perspektiven, hg. v. Daphné Çetta, Joachim Griesbaum und Thomas Mandl, Hildesheim 2020, S. 53-55.
  • Framework Information Literacy – Aspekte aus Theorie, Forschung und Praxis, FIS Universität Bamberg 2020.
  • Framework Information Literacy – Aspekte aus Theorie, Forschung und Praxis, in: Bibliothek – Forschung und Praxis 43 (2019), H. 1, S. 126–138
  • Hitlerjugend (HJ), 1926-1945, in: Historisches Lexikon Bayerns, URL: https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Hitlerjugend_(HJ),_1926-1945 (05.07.2021)
  • Schilljugend, 1924-1933, in: Historisches Lexikon Bayerns, URL: https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Schilljugend,_1924-1933 (05.07.2021).
  • Bauen mit Modellcharakter: Der geplante Neubau des Bamberger Theaters im „Dritten Reich“, in: Bericht des Historischen Vereins Bamberg 141 (2005), S. 503–515.
  • Katalog, in: Bamberg im Modell: Architekturplanung und ihre Umsetzung, hg. v. Robert Zink, Bamberg 2004 (Ausstellungen des Stadtarchivs Bamberg 7), S. 25–55.