Michael Seiz, M.A.

Wissenschaftlicher Mitarbeiter im Forschungskolleg Franken

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Michael Seiz, M.A.
Forschungskolleg Franken
am Institut für Fränkische Landesgeschichte
Marktplatz 1
95349 Thurnau
Telefon: +49 (0) 9228 99605-40
E-Mail: michael.seiz@uni-bayreuth.de

Promotionsprojekt

Ur- und Frühgeschichtlichen Archäologie
Betreuer: Prof. Dr. Andreas Schäfer

Arbeitstitel: Das erste vorchristliche Jahrhundert in Franken aus archäologischer Sicht. Eine Zeit tiefgreifenden Wandels am Übergang der Spätlatènezeit zur frühen Römischen Kaiserzeit

Während des ersten Jahrhunderts vor Christus sind im archäologischen Niederschlag Süddeutschlands starke Veränderungen zu beobachten. Zu Beginn steht die sogenannte Oppida Zivilisation, die durch stadtähnliche befestigte Siedlungen (sog. Oppida) und archäologisches Fundgut der sogenannten Latène Kultur gekennzeichnet ist. Diese rein durch archäologische Quellen definierte „Kultur“ wird heute (interpretativ) mit den Kelten aus der schriftlichen Überlieferung gleichgesetzt.
Nach dem Niedergang der Oppida werden an anderen Stellen kleinere, weniger strukturierte Siedlungen gegründet und auch das Fundgut verändert sich: Trachtelemente aus nun wiedereinsetzenden Bestattungen – für die Spätlatènezeit sind kaum Gräber bekannt – zeigen jetzt neben vereinzelten Merkmalen der Latène Kultur deutliche Einflüsse aus dem Gebiet der Elbe, wo die sogenannte Großromstedter Kultur verankert ist. Die Funde und Befunde der Großromstedter Kultur werden heute als Hinterlassenschaften der historisch überlieferten Germanen interpretiert.
Kurz vor Ende des ersten Jahrhunderts vor Christus findet ein zweiter Wandel im Fundgut und Siedlungsbild statt: Durch die römische Okkupation des nördlichen Voralpenlandes gelangen nun römische Einflüsse nach Süddeutschland.
Der in der mitteleuropäischen Frühgeschichte einmaligen Situation zweier krasser kultureller Brüche in relativ kurzer Zeit und dem damit einhergehenden strukturellen Wandel in der Kulturlandschaft, den Gesellschaften und den politischen Gegebenheiten, stehen für Nordbayern eine dünne archäologische Datenbasis und eine unzureichende historische Quellensituation gegenüber.
Während für benachbarte Regionen ein klareres Bild der Umwälzungen im ersten vorchristlichen Jahrhundert gezeichnet werden konnte, wird die Situation in Franken – einer der frühen Kontaktzonen der „keltischen“ und „germanischen“ Welt – bisher nur in veralteter Forschungsliteratur, in kürzeren Aufsätzen, anhand vereinzelter, ertragreicherer Plätze oder als randlicher Ausgriff bei der Bearbeitung angrenzender Regionen, angesprochen.
Eine Zusammenschauende Aufarbeitung und zeitgemäße Interpretation des gesamten fränkischen Fundstoffes und auch der neueren Fundstellen, für die einmalige und interessante Epoche eines tiefgreifenden Wandels von einer keltischen Zivilisation, über mögliche, schwer greifbare bäuerliche Gruppen hin zu frühen Germanen im Vorfeld des peripheren römischen Machtbereichs, soll Inhalt dieses Dissertationsvorhabens sein.
Die Frage nach dem Grad und den Umständen des Wandels in der Bevölkerung ist bei Weitem noch
nicht ausreichend geklärt: Kann die erste elbgermanische Einwanderung mittlerweile mit späteren Wellen verknüpft werden? Haben neue Funde das Bild der vereinzelten Ausnahme kultureller Kontakte zwischen den unterschiedlichen Bevölkerungen revidiert oder bestätigt? Gibt es mittlerweile weitere frühe Fundstellen, in denen eine Vermischung keltischer und germanischer Stilelemente oder Sitten (Bestattungsformen) nachgewiesen werden kann, oder existieren gar geschlossene Funde, mit Material aus beiden Gruppen? Falls ja: Können diese Beobachtungen aus der spätkeltischen Phase Frankens abgeleitet werden oder sind diese keltischen Einflüsse Re-Importe aus dem länger keltisch besiedelten Böhmen, bzw. mit der römischen Expansion aus dem Westen mitgebracht?
Wie können die Altfunde, sowie die in jüngerer Zeit erschlossenen Fundstellen in ein neueres verfeinertes Chronologiesystem der Spätlatènezeit eingehängt werden und müssen manche Ansprachen präzisiert oder revidiert werden? Gerade ein Übergewicht an chronologisch nicht sehr empfindlicher Grobkeramik scheint viele dieser Plätze auszuzeichnen; gäbe es Methoden auch innerhalb dieses Materials näherungsweise Aussagen zu treffen?
Schließlich soll eine Interpretation der Ergebnisse erfolgen, die sowohl die „klassischen Deutungen“ wie Veränderungen der kulturhistorischen Strukturen und der naturräumlichen Faktoren berücksichtigt, als auch, im Sinne des „spatial turn“ in den Kulturwissenschaften, einen phänomenologischen Interpretations-Ansatz wagend, nach der Wahrnehmung des Raums durch die Akteure fragt.

Forschungs- und Arbeitsschwerpunkte

  • Populäre Vermittlung archäologischer Inhalte, Archäologie im Museum und Public Science
  • Kulturgeschichtliche Narrative in der Archäologie (Kritisches und Genetisches Erzählen, anhand von Brüchen und Übergängen)
  • Experimentelle Archäologie
  • Späte vorrömische Eisenzeit und frühe Römische Kaiserzeit in Süddeutschland
  • Völkerwanderung und Frühmittelalter, Schwerpunkt Süddeutschland

Vita

seit 2019Wissenschaftlicher Mitarbeiter im Forschungskolleg Franken am Institut für Fränkische Landesgeschichte (Universität Bayreuth/Universität Bamberg)
2017–2019Tätigkeit in privatwirtschaftlichen Grabungsfirmen
2015–2016Befristete Anstellung beim Landesamt für Denkmalpflege in Baden-Württemberg
2006–2015Magisterstudium der Ur- und Frühgeschichtlichen Archäologie und Archäologie des Mittelalters an der Eberhard-Karls Universität Tübingen. Zweites Hauptfach: Ethnologie

Publikationen

  • Mit Michael Schmid: Spätbronzezeitliche Bestattungen und Siedlungsspuren unter dem Schulhof der Martin-Luther-Schule in Bad Cannstatt, in: Archäologische Ausgrabungen in Baden-Württemberg 2017 (2018).